Russland bringt so einige Überraschungen mit sich. Einige davon sind nicht so toll, andere hingegen unglaublich erfreulich und gleichzeitig total unerwartet. Einmal mehr zeigt sich, dass wir uns selbst ein Bild von einem Land, den Menschen und der Kultur machen sollen.
An der russischen Grenze angekommen, reihen wir uns ein und warten bis uns mittels Handzeichen gezeigt wird, wohin wir mit den Velos gehen müssen.
Am Anfang scheint alles gut zu gehen. Wir werden normal befragt: Woher wir kommen, wohin wir wollen, wo wir ausreisen. Auch unser Gepäck wird – wie immer – nur oberflächlich kontrolliert. Doch auf einmal müssen wir der Grenzbeamtin folgen und werden in ein kleines, volles und somit überhitztes Büro gebracht. Die Pässe erhalten wir nicht zurück und die Velos stehen in der Zwischenzeit unbeaufsichtigt beim Zoll. Alles nicht so toll, doch wir starten keine Diskussion.
Im Büro warten wir mit vielen anderen Personen zusammen – doch worauf, wissen wir nicht. Es wird uns nicht mitgeteilt, was hier vor sich geht. Nach etwa 10 Minuten wird Jakob aufgefordert, alleine in ein weiteres Zimmer zu gehen, wo er von einem russischen Zollbeamten befragt wird. Anschliessend bin ich an der Reihe. Meine Befragung dauert lediglich 3 Minuten und ist somit sehr viel kürzer als bei Jakob. Neben der Befragung müssen wir beide unsere iPhones samt Entsperrungscode beim Beamten abgeben und dann ohne Pass und ohne iPhone in einem Wartezimmer warten.
Jakob geht es mittlerweile immer schlechter. Dass wir nun in der drückenden Hitze ohne Wasser warten müssen – ohne zu wissen, wie lange –, macht die Situation für uns nicht gerade besser. Er versucht daher das Beste aus der Situation zu machen und entscheidet für ein Schläfchen, während ich Wache über ihn halte.
Von anderen Reisenden hören wir, dass sie bereits 3 Stunden warten und stimmen uns – es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig – auf die gleiche Wartezeit ein. Am Ende warten wir gerade mal etwa 30 Minuten auf unsere iPhones und Pässe und dürfen zurück zur Grenzbeamtin, wo wir final unsere Stempel in den Pass bekommen und losfahren dürfen.
Unsere investierte Zeit beim Aufräumen der iPhones zahlt sich wohl aus oder wir sind einfach zur richtigen Zeit vor Ort oder es liegt an unseren Schweizer Pässen. Wir wissen es nicht – doch so oder so sind wir wahnsinnig froh, ohne lange Wartezeit gleich weiterfahren zu können.
Bis zur ersten russischen Stadt geht es glücklicherweise weiterhin nur bergab. So ist die heutige Fahrt für Jakob nicht sonderlich anstrengend. Dennoch legen wir nach ein paar Kilometern eine Pause ein, denn Jakob muss sich unbedingt ausruhen. Während er auf einer Wiese einen Powernap macht, nehme ich ein spätes Mittagessen zu mir. Es gibt mal wieder gekochte Eier auf Brot mit Mayonnaise und Aromat.

Nach dem Powernap und dem Essen fahren wir nach Wladikawkas und gleich zu einem Hostel. Jakob schlägt sich tapfer und fährt die 50 Kilometer bis zur russischen Stadt, doch langsam ist mehr als klar, dass er ins Bett gehört.
Das erste Hostel kann unsere Velos jedoch nicht sicher verwahren. Daher checke ich noch zwei andere Hostels in der Nähe zu Fuss ab. Das eine ist leider voll und das andere gibt es nicht mehr. Alle anderen Schlafmöglichkeiten sind zu weit weg und es ist klar, dass Jakob diese heute nicht mehr anfahren kann.
Dank der Besitzerin des anderen Hostels finde ich schliesslich einen guten Kompromiss. Sie hat zwar keinen Platz mehr für uns, aber einen grossen, videoüberwachten Innenhof. Wir dürfen unsere beiden Velos über Nacht bei ihr abstellen und bringen diese somit sicher unter. Zurück beim ersten Hostel checken wir ein und haben damit zwei Betten in zwei Zimmern. Es hat nur noch in geschlechtergetrennten Zimmern freie Plätze für uns. Alle Herren in Jakobs Zimmer haben glücklicherweise Verständnis für unsere Situation und lassen mich als seine Frau regelmässig bei ihm vorbeischauen und etwas Zeit bei ihm verbringen.
Ohne Internet – welches wir seit dem Grenzübergang nicht mehr haben – gibt es nicht allzu viel zu tun. Ich schreibe daher noch etwas am Blog und gehe dann auch früh schlafen. Allerdings schaue ich immer wieder bei Jakob vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.
Am nächsten Morgen geht es Jakob zum Glück besser. Er schwitzte in der Nacht wohl all seine Erreger heftig aus, sodass wir weiterfahren können.
Auf unserem Weg nach Grosny fahren wir durch Inguschetien und Tschetschenien, beides sehr muslimisch geprägte Regionen von Russland. Bei einem Stopp an einem kleinen inguschetischen Museum nehmen wir uns Zeit, etwas über die Region zu erfahren. Da wir nichts lesen können, buchen wir für einen kleinen Aufpreis eine persönliche Führung. Das ist die beste Entscheidung überhaupt, denn die Dame weiss wirklich alles über die Inhalte der Ausstellungen. Die Führung per Google Translate ist sehr spannend, doch irgendwann müssen wir unsere Führerin bitten, sich etwas kurz zu fassen, damit wir heute noch unseren Schlafplatz erreichen.
Als eineinhalb Stunden später zur Verabschiedung kommt, fragen wir aus Höflichkeit kurz nach, ob unser aktuelles Aussehen für die Strasse in Ordnung geht. Sie meint, dass wir da schon noch etwas anpassen könnten. So kommt es, dass Jakob seine kurzen Hosen durch lange ersetzt. Womit allerdings keine der Frauen rechnet, ist, dass er mit seinen langen Sportleggins zurückkommt. Das ist natürlich noch schlimmer als die kurzen Hosen, denn sichtbare (auch angedeutete) Knie bei Männern sind ein absolutes No-Go. Sich ein lautes Lachen verkneifend, signalisiert sie uns, dass diese Kleidung gar nicht geht. Also zieht Jakob seine normalen Chinos an.
Bei mir ist es lediglich wichtig, dass ich meinen schönen Hintern mit etwas Lockerem verdecke, sowie meine Haare. Daher ziehe ich mein schwarzes Hemd an, das hinten länger ist, vor allem, wenn man es etwas mehr als üblich nach hinten zieht. Meine Haare will ich gerade mit einem meiner Buffs verstecken, als eine ältere Dame mit einem braunen Kaschmirtuch zu mir kommt und es mir schenkt. Ich verdecke meine Haare also mit dem neuen Tuch und bekomme gleich ein, zwei Tipps dazu.
Nach ein paar Fotos gehen wir zurück auf die Strasse.


Mit dem Kopftuch ist das Tragen des Helms etwas eng, doch ich bekomme den Verschluss dennoch zu.

So fahren wir nun für diese Gegend zivilisiert weiter. Trotz der äusseren Anpassungen fallen wir dennoch auf.

Wir fahren noch ein paar Kilometer weiter und entscheiden uns, im einzigen Hotel der Gegend für die Nacht einzubuchen. Zum einen, weil Jakob Probleme mit der Verdauung hat und deshalb eine nahegelegene Toilette einfach unbezahlbar ist. Zum anderen wissen wir nicht, wie die Menschen auf Wildcamper reagieren, und wollen nicht riskieren, mitten in der Nacht von der Polizei geweckt zu werden.
Auf dem Weg zum Hotel wird uns von zwei Herren der Weg gezeigt. Einer der beiden steigt kurzerhand in sein Auto und fährt als Lotse voraus. Wir versuchen, sein Tempo zu halten, haben aber keine Chance. Irgendwann sehen wir ihn wieder – links am Strassenrand – winkend.
Am Hotel angekommen, bedanken wir uns beim Fahrer und checken gleich ein, damit wir uns den restlichen Abend noch ausruhen können.
Ein paar Minuten später erhalten wir einen ganzen Sack voller warmem Essen. Der Fahrer von vorhin möchte uns die lokale Küche zeigen und bringt uns einfach so ein Abendessen vorbei. Danach fährt er wieder weg. Total lieb, doch leider mag keiner von uns beiden mehr etwas essen.
Am nächsten Morgen sind wir beide total gerädert. Die Nacht war einfach nicht erholsam. Mir war es zu heiss und mehrere Mücken im Zimmer raubten mir mit ihrem Stechen und Summen den letzten Nerv. Bei Jakob war es ähnlich, nur dass er nebenbei noch ständig das WC aufsuchen musste.
Wir sind daher umso erfreuter, als wir beim Beladen unserer Velos sehen, dass sich ein etwas kühlerer und regnerischer Tag abzeichnet.
Wir fahren beide müde los, im Wissen, dass es kein so anstrengender Tag wird. Mit dabei ist auch das geschenkte Essen vom Vorabend, das wir heute zum Mittagessen geniessen wollen.
Der Regen kommt und geht und wir ziehen unsere Regenjacken an und aus. Gerade als es wieder etwas stärker zu regnen beginnt, steuern wir eine Bushaltestelle an, um Unterschlupf und Schutz zu finden. Doch nur wenige Meter davor werden wir von Digi direkt an der Strasse angesprochen und mit Handzeichen zum Tee eingeladen.

Wir gehen gerne mit und lassen uns mit einer Tasse Tee aufwärmen. Dabei versuchen wir, uns zu verständigen. Das fällt allerdings aufgrund der schlechten Internetverbindung eher schwerfällig aus. Dennoch bekommen wir dank der vielen Videos, die uns gezeigt werden, mit, dass Digi schon sehr, sehr viele Fahrradreisende bei sich zu Hause hatte.
Irgendwann wird uns noch eine warme Suppe angeboten, die wir liebend gerne probieren. Borscht ist eine mega feine vegetarische Suppe, die vor allem Jakob und seinem Magen sehr gut tut.
Als wir dann auch noch zur Übernachtung eingeladen werden, müssen wir schweren Herzens ablehnen. Für uns ist es einerseits noch etwas früh, um den Tag zu beenden und andererseits wartet am Abend bereits ein Übernachtungsplatz über Couchsurfing auf uns. So fahren wir wohlgenährt und aufgewärmt weiter. Grosny erreichen wir bereits kurz nach dem Mittagsstopp und nutzen daher die verbleibende Zeit bis zum Abend, um ein paar Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Leider sind beide Museen, die hoch oben auf unserer Liste standen, geschlossen. Daher begnügen wir uns mit dem monumentalen Kadyrow-Museum, wo es unter einem gigantischen, goldenen Obelisken alles von Kindheitsfotos über epische Porträts bis zu Kadyrow Seniors Lieblingskrawatte (im Original) zu bewundern gibt.



Gegen Abend fahren wir zur angegebenen Adresse unseres Hosts. Auf der Gegenfahrbahn sehen wir einen anderen Velofahrer und sprechen gerade darüber, wie cool es ist, dass es in einer so grossen und modernen Stadt mit verdammt vielen Autos immer noch Menschen gibt, die das Velo benützen. Als auf einmal der besagte Velofahrer hinter uns auftaucht und sagt: „Ich bin Hanzat – euer Host. Folgt mir.“ Also fahren wir ihm hinterher, bis wir bei seiner Wohnung ankommen. Dort begrüssen wir nach und nach die gesamte Familie von Hanzat. Seine Frau beginnt keine 5 Minuten nach unserer Ankunft mit dem Kochen und zaubert uns innerhalb einer Stunde ein wunderbares traditionelles tschetschenisches Essen. Während der Zubereitung springen wir beide kurz unter die Dusche und verbringen dann in getrennten Zimmern die restliche Zeit bis zum Abendessen. So sitzt Jakob im Wohnzimmer mit all den Männern und ich in der Küche mit der Mutter und der Tochter. Dank Google Translate kann ich mich mit der Mutter unterhalten, ohne dass Hanzat oder einer ihrer Söhne zum Übersetzen dabei sein muss.
Das Essen ist sehr knoblauchlastig und wir lieben es. Neben einem Fleischeintopf gibt es zweierlei Nudeln. Alles davon kommt in eine Brühe, die mit haufenweise Knoblauch angerührt wird. Dann nimmt man alles in Form einer Suppe zu sich. Nebenbei gibt es einen wundervollen Tomaten- und Gurkensalat mit sehr viel rohen Zwiebeln und zum Dessert eine saftig-süsse Wassermelone. Es tut so gut, wieder mal etwas Richtiges und vor allem Frisches zu essen, dass wir kaum aufhören können.

Später am Abend nimmt uns Hanzat mit auf einen kleinen Ausflug. Er fährt uns zu einem Aussichtspunkt, von dem wir auf die ganze Stadt hinabsehen können. Es ist verrückt, wie hell die Stadt im Dunkeln ist. In Tschetschenien liebt man die arabische Architektur. Daher ist alles – wirklich alles – mit LED bestückt. Ganze Häuserfassaden sind aufgrund der LED-Konturen erkennbar. Im ganzen künstlichen Licht geht sogar die schöne Beleuchtung der grossen Moschee völlig unter.
Auf dem Rückweg machen wir noch einen Stopp in einem grossen Einkaufszentrum – in Russland ist wirklich fast alles 24/7 offen – um uns für die bevorstehende Zugfahrt von über 24 Stunden mit Lebensmitteln und Getränken einzudecken.
Zurück bei Hanzat ist es allmählich Schlafenszeit. Die ganze Familie zieht sich in ihr zweites Apartment zurück und überlässt uns somit die kleine Wohnung ganz für uns alleine. Wir nutzen die ruhigen Minuten, um all unsere Sachen und die Einkäufe in den Taschen zu verstauen. Danach gehen wir – es ist mittlerweile bereits 01:00 Uhr – für kurze vier Stunden ebenfalls auf dem ausziehbaren Sofa schlafen.
Der Wecker weckt uns bereits kurz vor 05:00 Uhr. Wir packen unsere restlichen Sachen zusammen, tragen die Velos sowie die Taschen nach unten zum Eingang und machen uns abfahrbereit. Hanzat steht ebenfalls früh auf und bringt uns mit dem Velo zum Bahnhof. Nach ein paar kleinen unnötigen Umwegen schaffen wir es leicht gestresst, aber pünktlich in die Schalterhalle und lassen unser Gepäck durch die Scanner, bevor wir zum Gleis gehen und einchecken. Obwohl wir für die Velos einen Preisaufschlag bezahlen, kommt es zu einer Diskussion. Wir sind daher unglaublich froh, dass Hanzat bei uns ist und uns hilft, alles vor Ort zu regeln.

Aus Platzgründen müssen wir die Lenker demontieren, können dann aber ohne weitere Demontagen die Fahrräder in ein kleines Séparée stellen. Während Jakob sich um die Velos kümmert, bringe ich all unser Gepäck im Zugabteil unter. Für die lange Zugfahrt gönnen wir uns dieses Mal ein kleines Upgrade und reisen in einem Vierer-Liegeabteil.
Kurz bevor sich die Türen schliessen, stehen wir beide noch immer auf dem Perron und verabschieden uns dankend von Hanzat. Wir hatten eine unglaublich schöne – wenn auch leider kurze – Zeit bei ihm und seiner Familie.
Im Zug sitzend fällt langsam der Stress ab. Wir machen unsere Betten bereit und entscheiden uns nach einem kleinen Frühstück, nochmals etwas zu schlafen, da die Nacht mit all den Vorbereitungen schon recht kurz war.

Ein paar Stunden später gibt es das zweite Frühstück und wir besprechen, was wir in der verbleibenden Zeit im Zug machen wollen. Wir nutzen die Stunden schlussendlich vor allem zum Chillen, Lesen, Blogschreiben und Fotosortieren. Währenddessen naschen wir unseren Proviant Stück für Stück auf, merken aber schon bald, dass wir zu viel einkauften.
Am nächsten Morgen kommen wir pünktlich in Wolgograd an und befinden uns in einer parallelen Welt. Wolgograd ist im Vergleich zu den beiden vorherigen Regionen sehr westlich. Dennoch scheint alles ein bisschen anders zu sein. Wir fühlen uns in die 90er-Jahre zurückversetzt, und das nicht nur, weil wir nach wie vor kein Internet haben. Es zeigt sich hauptsächlich an den Menschen, die wie damals in den 90er-Jahren angezogen, frisiert und geschminkt sind. Wir finden das urkomisch und stehen daher erstmal einfach staunend neben unseren ausgeladenen Velos und Taschen.
Nach ein paar Minuten sind mehr oder weniger alle weg und das ist dann auch der Moment, in dem wir wieder in Bewegung kommen und unsere Velos zum Weiterfahren bereit machen.
Wir fahren gerade mal 8 Kilometer zu Natalia und ihrem Sohn Igor, die uns die nächsten Tage bei sich zu Hause aufnehmen. Natalia ist die Schwester von Artems Frau, den wir in Montenegro am Bergsee kennenlernten. Angekommen werden wir super freundlich begrüsst und gleich zu einem ausgiebigen Frühstück eingeladen. Dazu gibt es traditionelle russische Fruchtgelstreifen. So gesund essen wir schon lange nicht mehr.

Nach einer kurzen Dusche beschliessen wir, uns noch etwas hinzulegen, weil die Nacht im Zug nicht ganz so erholsam war. In der Zwischenzeit fühle ich mich sehr unwohl und hoffe, dass mir ein bisschen Ruhe und Schlaf helfen und ich mich danach wieder besser fühle.
Als wir aufstehen, steht eine ganze Schale frischer Früchte auf dem Tisch. Wir freuen uns extrem über diese nette Geste, denn gerade frische Lebensmittel sind auf einer Velotour sehr selten. Meist kaufen wir nur abends vor dem Kochen frisches Gemüse oder Früchte ein und verarbeiten diese gleich. Tagsüber würden wir mit der Sonne und dem Geschüttel der Strassen ansonsten nur matschige und vergorene Reste vorfinden. Daher schlagen wir liebend gerne zu. Ich gönne mir gerade mal eine Kirsche, als sich mein Magen rumorend meldet. Keine Minute später hänge ich über der WC-Schüssel und muss mich übergeben. Zuerst denke ich, dass es damit erledigt ist und es mir wieder besser geht. Doch das Gefühl hält nur kurz an. In den wenigen guten Minuten helfe ich Jakob beim Reinigen der Velotaschen und der Fahrräder, denn wir wollen den übriggebliebenen Schlamm von Georgien abwaschen. Doch ich habe einfach keine Power mehr und es friert mich mega, obwohl es über 30 Grad sind. Daher gehe ich wieder ins Bett und bleibe auch den restlichen Tag und Abend dort.
Jakob geht am Abend mit Natalia und Igor in der Stadt zu Abend essen und der Wolga entlang spazieren.



Zum Glück fühle ich mich am nächsten Morgen bereits sehr viel besser. Ich achte lediglich darauf, was ich zu mir nehme, um meinen Magen noch etwas zu schonen. Da Natalia heute arbeiten muss und Igor noch Sommerferien hat, versuchen wir, ihn etwas zu unterhalten und sprechen dabei sehr oft über Fussball – auch wenn wir beide keine Ahnung davon haben. Sehr lustig ist der Moment, als wir ihm erklären, dass es neben dem FC Barcelona – seinem Lieblingsclub – auch einen FC Basel gibt und die Clubs beinahe die gleichen Farben haben. Wie es der – beinahe unglaubliche – Zufall so will, spielen die beiden FCBs heute Abend gegeneinander.
Am Nachmittag kommt Artems Schwester Mascha vorbei und holt uns für eine Sightseeingtour ab. Mit ihr gehen wir ins Museum zur Schlacht um Stalingrad und zur Mutter-Heimat-Statue. Dabei laufen wir im Park an anderen Monumenten, wie den singenden Wänden oder der Gedenkstätte, vorbei. Alles ist sehr eindrucksvoll und vor allem wahnsinnig gross.





Am Abend laden wir Natalia und Igor zum Dank zu einem Abendessen ein und gehen im Anschluss für unsere nächste Zugfahrt Essen einkaufen.
Den nächsten Tag nutzen wir, um all unsere Sachen, wie die frisch gewaschene Wäsche und die Lebensmittel, zu verpacken und arbeiten die restliche Zeit vor unserer Abfahrt Kleinigkeiten auf unserer To-do-Liste ab. Jakob macht mit meiner Hilfe ein Anleitungsvideo, wie sich Reifen ohne Reifenheber wechseln lassen und ich gehe zu einem Printshop, um uns ein neues Schild zu drucken und zu laminieren.
An mi Brüedsch: Dini Schilder sind no immer an unserä Velos, doch mir merkä all wieä meh, dass d Lüt vor Ort nid vrstöhnd, was „Just Married“ heisst. Wäg däm gits vorübergehend ä kleini Alternativä. Mir löhn debi unserä erstä Host in der Sproch vom Land ufschriebä, dass mir in dr Flitterwuchä sind.
Gegen den späteren Nachmittag, als Jakob von einer Massage zurückkommt, fahren wir zum nächsten Bahnhof. Da wir aufgrund der Verkehrssituation nicht genau abschätzen können, wie lange wir brauchen, gehen wir heute früh los. Wir wollen lieber am Bahnhof warten, als wieder kurz vor knapp anzukommen.

Auf dem Weg stoppen wir noch bei einer Autogarage und lassen unsere Pedale lockern, damit wir sie bei Bedarf am Bahnhof selbst lösen können. Nach über 5000 Kilometern ist das genau die richtige Entscheidung, denn die Pedale sind richtig verhockt. Das hätten wir ohne grosses Werkzeug mit grosser Hebelwirkung nie lösen können.

Wir erreichen den Bahnhof eine Stunde vor Abfahrt des Zuges. Nach der Sicherheitskontrolle bleibe ich mit den Velos am Gleis, während Jakob noch ein warmes Abendessen und 10 Liter Wasser einkaufen geht.
Jakob verlässt den Bahnhof und keine 5 Minuten später fährt schon der Zug ein. Alle anderen Passagiere versuchen daraufhin wie von einer Biene gestochen, in den Zug zu gelangen. Das macht mich ultra nervös und kurz denke ich, dass der Zug vielleicht wegen einer Zeitverschiebung eine Stunde früher losfährt. Doch nach mehrfachem Nachfragen beruhige ich mich allmählich wieder, denn alle Personen bestätigen mir die Abfahrtszeit, die auf unseren Tickets steht.
Ich schiebe dann langsam unsere Velos zu dem Waggon, in dem wir unsere reservierten Plätze haben. Dort angekommen, gibt mir die Zugführerin mit Handzeichen zu verstehen, dass wir die Velos nicht in den Zug nehmen dürfen. Ich zeige ihr unsere Tickets, für die wir erneut extra Platz für die Velos buchten. Darauf meint sie, dass das nur für zusätzliches Gepäck und nicht für Velos gedacht sei. In der Zwischenzeit bin ich nicht mehr alleine: Natalia und Igor treffen am Bahnhof ein, um sich von uns zu verabschieden. Einmal mehr bin ich froh, dass wir für die weiteren Diskussionen jemanden bei uns haben, der die lokale Sprache spricht und uns hilft, die Situation vor Ort zu klären. Die Kondukteurin behauptet, dass wir zwei weitere Tickets für die Velos kaufen müssen. Doch vor Ort gibt es keinen Schalter mehr und offenbar ist der Zug völlig ausgebucht. Also keine Option für uns, zudem haben wir nicht mehr genügend Rubel bei uns, um welche zu kaufen. Beim zweiten Anlauf wird der Preis auf ein Ticket heruntergehandelt, doch wir stehen nach wie vor vor den gleichen Bedingungen. In der Zwischenzeit bleiben uns noch gute 20 Minuten, bevor der Zug abfährt und wir finden keine Lösung für die Velos. Als Jakob mit den letzten Einkäufen auftaucht, fackelt er nicht lange und beginnt ohne weitere Diskussionen, unser Gepäck und unsere Velos in den Zug zu tragen. Als alles drinnen ist, sagt er kurz und knapp: „Jetzt können wir pünktlich losfahren und nach einer Lösung schauen.“
Am Ende bezahlen wir 100 USD Bestechungsgeld an die Zugführerin, die mit dem Erhalt der Note wie ausgewechselt ist. Auf einmal bekommen wir für die Velos einen Platz zugewiesen. Wir lassen uns ab diesem Punkt nicht mehr stressen und nehmen uns die letzten Minuten, um uns von Natalia und Igor zu verabschieden. Wir genossen den Aufenthalt bei ihnen wahnsinnig und sind einmal mehr mega dankbar für die grosszügige Gastfreundschaft.
Nachdem der Zug ins Rollen kommt und wir winkend von beiden final Abschied nehmen, winken wir so lange, bis wir den rennenden Igor nicht mehr sehen können.

Anschliessend kümmert sich Jakob einmal mehr um die Velos (die semi-demontiert durch den engen Gang in ein anderes Abteil transportiert werden müssen), während ich das Gepäck unter den Liegeflächen verstaue und unsere Betten für die Nacht vorbereite. Als alles an seinem Platz ist, können wir unser mittlerweile kaltes Abendessen geniessen. Währenddessen bringt uns die Zugführerin eine Teekanne und zwei Teegläser mit einem Teller voll schwarzem und grünem Tee in Beuteln sowie Zucker.

Wir sitzen nun im Zug von Wolgograd nach Taschkent und sind die nächsten 3 Tage auf Schienen unterwegs, um etwas Zeit gutzumachen, damit unsere bevorstehenden Pläne nicht ins Wasser fallen und um stundenlanger Sattelzeit durch die Wüste bei 45 Grad zu entkommen.
Mit einem unserer letzten Rubel lösen wir ein Rubellos – wir verlieren, ohne zu wissen, was zu gewinnen war.

Doch wir gewinnen einmal mehr unzählige wertvolle Eindrücke über ein Land voller Vorurteile. Eines bleibt uns dabei besonders: Nur weil die Regierung eines Landes scheisse ist, heisst das nicht, dass die Menschen dieses Landes es auch sind. Wir treffen haufenweise auf super freundliche und hilfsbereite Personen und das, obwohl wir durch eine der damals brutalsten Gegenden von Russland fahren. Wir möchten all diese Momente und Personen, die wir treffen, nicht missen. Genauso wenig wie die Eindrücke von Russland selbst.
Bildergallerie



























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