Georgien

Gaumarjos, meine Freunde.

Auf uns, auf euch, auf die Eltern und die Familie, auf die Verstorbenen und Gefallenen, auf unsere Velotour und auf alles Weitere, worauf man sonst noch anstossen kann.

Wir sind in Georgien angekommen und es wird feucht fröhlich – also legt am besten gleich hier eine Pause ein und holt euch etwas zum Trinken. Wir trinken im Geiste mit euch mit.

Unsere Reise nach Georgien beginnt mit Chaos. Genauer gesagt mit der Schalterhalle des georgischen Zolls.

Dem Hund scheint das hektische Treiben nicht zu stressen

Anstatt die Menschenmassen mit Absperrungen Richtung Schalter zu dirigieren, drängt ein grosser Mob generell Richtung Ausgang. Von Rolling Around wissen wir, dass Velos zwischen den Schaltern am linken Ende der Halle nicht durchpassen – also wenden wir uns nach rechts, wo bereits zwei weitere Radfahrer in der Menge feststecken. Quentin und Pierre kommen aus Frankreich und wohnen seit Jahren in Lausanne. Sie sind unterwegs von der Bretagne nach Vietnam. Wir unterhalten uns, während wir die Velos als Keil nutzen, um uns durch die Menschenmenge zu bahnen. Als der Zöllner von unser aller Reiseplänen hört, lacht er nur, erklärt uns für verrückt, stempelt die Pässe und winkt uns durch.

In Georgien angekommen, fallen gleich zwei Dinge ins Auge. Kasinos und Kirchen. Ebenfalls stellen wir bereits wenige Meter nach der Strasse fest, dass der breite Pannenstreifen, den wir in der Türkei zu 90% vorfanden, nicht mehr existiert. Wir müssen uns die Strasse also wieder mit dem restlichen Verkehr teilen. Fairerweise müssen wir zugeben, dass uns das längst nicht mehr so stresset wie zu Beginn unserer Reise.

So fahren wir zu viert in die nächste grössere Stadt Batumi. Die Stadt liegt ebenfalls am Schwarzen Meer und ist touristisch sehr beliebt. Batumi ist auf jeden Fall eine Stadt für sich. Nach Wochen in den türkischen Bergen bewegen wir uns jetzt durch Hochhausschluchten. Neben den neuesten und luxuriösesten Hochhäusern stehen alte, fast verfallene Sowjetbauten, die so gar nicht ins glitzernde und pompöse Erscheinungsbild passen wollen. Doch gerade dieser Mix macht die Stadt für uns ausgesprochen attraktiv – auch wenn wir die neuen Quartiere bewusst aussen vor lassen und uns lieber in den alten bewegen.

In Batumi angekommen, gehen wir zu viert ein Bier trinken, obwohl wir uns eigentlich gleich wieder trennen wollen und jeder seiner Wege geht. Tja – aus einer Runde werden fünf und wir verstehen uns so gut, dass wir den ganzen Abend miteinander reden. Dabei fliesst das flüssige Gold. Das Bier ist übrigens sehr günstig hier. Zwanzig Biere und zwei Teller Pommes kosten weniger als zwanzig Franken. Andere Gäste werden wegen unseren Velos auf uns aufmerksam, so auch Anton aus Deutschland.

Vier Velos in einer autobeherrschten Stadt

Doch langsam ist es Zeit, in die gebuchten Unterkünfte zu gehen und da fängt unser Alptraum an.

Als wir ins Apartment einchecken wollen, ist niemand da, der uns die Schlüssel überreicht. Nach einer Stunde Warten und einigen Telefongesprächen mit Anton gehen wir weiter. Freunde von ihm wollen uns eine Wohnung für die Nacht vermitteln. Doch als sie unsere Velos sehen, entscheiden sie sich um. Also klopfen wir bei jedem nächstgelegenen Hotel oder Hostel an und fragen nach, ob wir für heute Nacht noch ein Zimmer oder zwei Betten bekommen. Die meisten sind offenbar ausgebucht. So stehen wir um 01:30 Uhr in einer grossen Stadt ohne Unterkunft da. Erneut am Telefon, lädt Anton uns zu sich nach Hause ein. Also fahren wir 30 Kilometer aus der Stadt heraus und erreichen seine Wohnung gegen 04:00 Uhr. Dort springen wir völlig erledigt kurz unter die Dusche und hauen uns anschliessend auf die Schlafmatratze. Somit ist klar, dass wir erst einmal ausschlafen. 

Später am Tag planen wir die nächsten Tage, feilen an der Routenplanung herum und geniessen es einfach, nicht nach draussen zu müssen und „faul“ abzuhängen. Gegen den späteren Nachmittag kommen weitere Freunde von Anton vorbei und Partystimmung kommt auf.

Wir singen zu Britney Spears „Oops… I did it again“

Zum russischen Borscht fliessen ordentlich Bier und Schnaps und wir sind mittendrin. Später am Abend gehen wir in ein nahegelegenes Restaurant und bestellen uns ordentlich viele georgische Mahlzeiten. Wir werden in die Tradition eingeführt. Man bestellt immer für den ganzen Tisch, jemand schenkt den ganzen Abend die alkoholischen Getränke ein und auf jeden Schnaps gibt es einen Toast. Das Essen wird geteilt, jeder nimmt von allem.

Wir erleben einen wahnsinnig tollen Abend, und zurück in der Wohnung wird einfach weitergemacht. Es wird bis früh in die Morgenstunden weitergefeiert. Wir sind daher super froh, dass wir diese Nacht in einem anderen Apartment im selben Haus übernachten und uns zu dem Zeitpunkt zurückziehen können, in dem wir nicht mehr weitertrinken mögen.

Nachdem wir bis spät in die Nacht feiern, schlafen wir natürlich auch heute aus. Doch am späteren Nachmittag gehen wir zurück in die grosse Stadt und geniessen die verschiedenen Quartiere, die unterschiedlicher nicht sein können.

Irgendwann landen wir in einer wahnsinnig coolen Bar und wie so oft werden aus einem Bier mehrere Biere. Und weil wir in Georgien sind und der Barkeeper unsere Geschichte – und ebenfalls Rammstein – mag, werden wir tonnenweise auf Chacha eingeladen. Alles selbst gemacht. Nachdem wir also wieder mal leicht einen sitzen haben, müssen wir dringend Kalorien zum Ausgleich hereinholen und gehen in ein weiteres georgisches Restaurant essen. Wir kommen viel später zurück als geplant und sind daher extrem froh, dass wir zuvor bereits um eine weitere Übernachtung bei Anton angefragt haben.

Batumi – ohne Glanz

Am nächsten Morgen geht es dann aber wieder auf die Velos und wir machen uns auf der Südroute auf den Weg Richtung Tiblisi. Unsere Route führt uns über den Goderdzipass (2025 m. ü. M.) und so fahren wir die Passstrasse hinauf und weiter hoch. Wir befinden uns in einem sehr schönen und grünen Tal und geniessen die Umgebung ringsum, während es langsam vorangeht. Die Temperaturen sind inzwischen deutlich erträglicher als in der Türkei. Unsere erste Pause machen wir in einem kleinen Stadtpark und treffen prompt auf einen unserer bisherigen Velofreunde. Raphi aus Österreich. So kommt es, dass wir nach der Pause gemeinsam weiterfahren.

Etwa 10 bis 15 Kilometer vor unserer heutigen Tagesetappe halten wir an um ein paar Kühe auf einer alten Steinbogenbrücke zu fotografieren. Das Motiv ist einfach zu gut, um nicht zu stoppen.

Generell sind seit wir in Georgien sind die Kühe los. Sobald man sich ausserhalb einer Stadt befindet, sind überall freilaufende Kühe zu sehen und die scheren sich einen Dreck um irgendwelche Strassen, Autos oder gar Lastwagen. Nicht mal Sturmhupen bewegen die Kühe dazu aus dem Weg zu gehen. So kommt es zu wahnsinnig vielen Momenten, in denen wir die Kühe auf den Strassen umfahren müssen. Sie sind für uns immer eine schöne und vor allem lustige Abwechslung – so wie bei dieser Brücke.

Jakob könnte es sich nicht nehmen lassen, ein paar lustige Fotos zu machen. Danke, Raphi für die coolen Bilder.

Auf der anderen Seite der Brücke befindet sich ein Grill- und Badeplatz, an dem sich die Locals zum Essen und Baden treffen. Es gibt genügend Sitzbänke und Tische, aber auch einen grossen Unterstand, Toiletten und frisches Trinkwasser. Also alles was man für einen guten Schlafplatz benötigt. Uns wird zudem signalisiert, dass wir gerne unser Zelt aufschlagen dürfen. Somit ist rasch klar – heute Nacht bleiben wir hier.

Raphi und Jakob fahren ohne schweres Gepäck zum nächsten Dorfladen und kaufen Bier ein – nicht nur für uns, sondern auch für die Herren, die bereits vor Ort sind. Nachdem die beiden mit dem Bier zurück sind, fragen wir nach, ob wir uns dazusetzen dürfen.

Ob die SUVA hier Einwände hätte?

So sitzen wir bald schon zusammen und essen und trinken gemeinsam. Dabei teilt jeder am Tisch, was er dabei hat. Wir entdecken so zum ersten Mal georgisches Brot mit Kartoffelfüllung und frische Haselnüsse – neben selbstgebranntem Chacha.

Manchmal bin ich froh ein „Mädchen“ zu sein. So muss ich den harten Schnaps nicht wie die Männer in einem Schwung leeren und muss auch nicht jede Runde mitmachen. Grössten Respekt an dieser Stelle für Jakob, der versucht, mit den älteren Herren mitzuhalten und trotzdem vernünftig genug ist, nicht jede Runde mitzutrinken.

Nachdem unsere Bäucher wohl genährt sind – mit fester und flüssiger Nahrung – geht es langsam Richtung Zeltaufbau und somit ins Bett. Die beiden Jungs lassen es sich jedoch nicht nehmen noch schnell ins kalte Wasser zu hüpfen.

Unser Schlafplatz für die Nacht

Am nächsten Morgen machen wir uns relativ früh und schnell auf den Weg zur Passhöhe, denn bis dorthin liegen noch viele Höhenmeter vor uns. Wir schlängeln uns die Passstrasse langsam hoch und überwinden jede Baustelle, die sich vor uns auftut. Bei steilen Passagen falle ich etwas zurück, doch die beiden warten in regelmässigen Abständen auf mich, damit ich aufholen kann um wieder gemeinsam weiterzufahren. So strampeln wir uns Meter für Meter, Kurve um Kurve, weiter hoch und legen bei Bedarf an kalten Wasserquellen und schattigen Plätzchen eine Verschnaufpause ein. Eine der Pausen machen wir notgedrungen kurz vor der Passhöhe, weil Jakob erneut Luft am Hinterreifen verliert. Dank Raphi und seiner elektrischen Luftpumpe pumpen wir das Rad wieder voll und kümmern uns – wenn möglich –später um das neue Loch im Schlauch. Bei der kleinen Pannenhilfe bleiben wir nicht unbeobachtet und werden freundlicherweise zu einem Kaffee und frischen Früchten eingeladen. Als kleine Stärkung kommt diese Einladung genau zum richtigen Zeitpunkt.

Manchmal lohnt es sich ein Blick nach Hinten zu werfen

Gegen den späteren Nachmittag erreichen wir endlich die Passhöhe und sind gleich etwas enttäuscht, denn es gibt keine Passtafel, von welcher wir ein Foto hätten machen oder einen Sticker kleben können. Doch nach dem anstrengenden Tag lassen wir es uns nicht nehmen, unseren Pass auch ganz ohne Tafel oder Sticker zu feieren. In Form einer 2,5-Liter-PET-Flasche, gefüllt mit Bier suchen wir uns einen schönen, nicht allzu windigen Platz, packen unsere Campingstühle aus und geniessen das kalte Vitamin-B-Getränk zu dritt.

Frisch getankt fahren wir auf der anderen Seite wohlverdient auf einer frisch geteerten Passstrasse hinunter und können dabei die schöne Gegend um uns herum beobachten.

Wenige Kilometer später finden wir bei einem öffentlichen Picknickplatz unsere Schlafmöglichkeit für die Nacht. Während ich noch auf Raphi warte, der hinter uns ein paar Fotos schiesst, geht Jakob den Platz auskundschaften und kommt prompt mit einem Snack und georgischem Wein zurück.

Jakob mit neuen Geschenken
Raphi, der kaum glauben kann das Jakob schon wieder mit Essen und Alkohol auf ihn zuläuft

Da es bereits eindunkelt, ziehen wir zuerst lange Kleider an, welche anschliessend grosszügig mit Anti-Mückenspray eingenebelt werden. Danach lässt sich das Zelt gleich viel stressfreier aufbauen. Nachdem beide Zelte für die Nacht stehen, teilen wir die Aufgaben für den Abend auf. Raphi kümmert sich um ein Lagerfeuer, Jakob um seine Veloreparation und ich koche für uns alle. Wir schaffen es mehr oder weniger alle gleichzeitig mit der Aufgabe fertig zu werden und sitzen somit gemeinsam am Feuer und geniessen unseren Abend mit einer warmen Mahlzeit. Da der Tag sehr lang und anstrengend war, stellen wir keinen Wecker und lassen uns am Morgen von der Sonne wecken.

Am frühen Morgen

Tatsächlich schlafen wir bis zu den ersten Sonnenstrahlen aus – oder waren es doch eher die Kühe mit ihren Glocken am Halsband, die uns weckten? Wir wissen es nicht mehr so genau. Auf jeden Fall sind wir für ein, zwei Sekunden extrem verwirrt und denken, wir wären zu Hause in den Alpen. So heimelig ist das Gebimmel der Glocken.

Mit den Kuhherden kommen hier aber auch immer grosse Herdenhunde. Wir machen uns gerade ein wenig Sorgen, da wir uns zwischen den „Schutzbefohlenen“ der Hunde befinden. Doch die Sorgen werden schnell von einem Komödianten-Effekt weggeblasen, als eine Kuh anfängt, einen der Hunde zu jagen, der ihr zu nahe gekommen ist.

Als wir für den weiteren Teil der Abfahrt bereit sind, wollen wir bis zur nächsten Bäckerei fahren um uns frisches Brot zu holen und werden von Jacqueline aus der Schweiz angesprochen. So sitzen wir nach einem kurzen Zwischenstopp in einem Minimarkt zu viert in einem Park und geniessen unser Frühstück mit wunderbaren Gesprächen und vor allem Reiseempfehlungen für Georgien. Am Ende unseres Stopps werden wir zum Fest des Nationalfeiertags der Schweiz in Tiblisi eingeladen. Denn wie sich herausstellt, ist Jacqueline die stellvertretende Botschafterin in Georgien – und da die amtierende Botschafterin ausser Landes ist – ist sie für uns die Botschafterin. Später mehr dazu.

Doch nun zurück zur Strasse. Wir fahren gemeinsam weiterhin herunter und stoppen mal da, mal dort für ein paar kurze Schnappschüsse bis wir zur Festung von Achalziche kommen.

Wir treffen ständig auf Kühe
Kurz vor der Festung von Achalziche

Dort treffen wir auf zwei weitere Fahrradreisende aus Deutschland – zwei Berufslehrer, die seit über 20 Jahren in den Sommerferien gemeinsam auf Fahrradtouren gehen. Wir verstehen uns auf Anhieb, setzen uns zu ihnen an den Tisch und trinken gemeinsam ein, zwei Bierchen.

Jakob und ich entscheiden uns relativ schnell, dass wir die Nacht in der Stadt bleiben, während Raphi weiterziehen will. Wir verabschieden uns also von unserem Freund und buchen uns eine Unterkunft für die Nacht.

Heute fahren wir nicht so weit – doch da wir eine Einladung für das Fest erhalten haben, haben wir aufeinmal mehr als genügend Zeit, um nach Tiblisi zu kommen. Wir dürfen also auch mal einen Tag mit weniger Kilometer auf dem Tacho beenden.

Bei der Unterkunft angekommen, waschen wir uns den Schweiss der letzten beiden Tage ab und gehen eine Runde schlafen, bevor wir uns am späteren Abend mit den beiden deutschen Fahrradreisenden zum Abendessen treffen.

So kommt es, dass wir zu viert im Restaurant Kessane sitzen und uns einen Tisch voller georgischer Mahlzeiten und eine Runde Bier bestellen. Wir merken schon bald, dass das hier ist ein ganz spezieller Ort.

Das Restaurant ist ein Familienbetrieb. Einst als Hostel geführt, das Leute aus aller Welt beherbergte, musste es wegen familiärem Zuwachs und dem daraus entstandenen Eigenbedarf an den Räumlichkeiten schliessen. Übrig blieben das Restaurant und eine weltoffene, herzliche und absolut gastfreundliche Familie.

Die gemütliche Runde – noch mehr oder weniger nüchtern

Wir werden schon bald auf Slivovitz eingeladen. Ja, diesmal ist es kein Chacha, wie wir es in einem so traditionellen Umfeld erwartet hätten. Denn der Herr des Hauses meint mit gutem Slivovitz könne man weit mehr trinken und dabei einen klaren Kopf bewahren. Zudem verursache die richtige Auswahl keinen Kater – im Gegensatz zum Chacha. Uns bleibt nichts anderes übrig, als das zu glauben und auszutesten. Denn wie in Georgien üblich bleibt es nicht bei einem Glas.

Wie viele Slivovitz es am Ende waren? Keine Ahnung mehr. Doch was bleibt ist Folgendes. Wir sind die letzten Gäste und irgendwann packt der Vater die Gitarre aus und legt los. Kurz danach stimmt sein Sohn mit ein und plötzlich sitzen wir mitten in einem Privatkonzert, das uns keine Karte der Welt angeboten hätte. Ich kann nicht mehr sagen, wann ich mir das letzte Mal bei einem Live-Jam die Tränen wegdrücken musste. Ich sage nur es war ungeplant, spontan und einfach mega genial.

Irgendwann spät in der Nacht verabschieden wir uns von den beiden Deutschen und auch von der Familie. Uns ist schon jetzt klar das es Morgen keinen Wecker gibt. Das Ding muss ausbleiben, damit wir unseren bevorstehenden Rausch ausschlafen können.

Der Morgen danach. Uns geht es gut. Wir können es nach gestern Abend kaum glauben – doch es geht uns gut. Dennoch entscheiden wir, eine Nacht zu verlängern. Wir kamen gestern nicht mehr dazu, die Festung anzuschauen und wollen aufgrund mehrerer erhaltener Empfehlungen unsere Route nach Tiblisi nochmals neu überdenken und überarbeiten.

So kommt es, dass wir wenig später wieder im Restaurant von gestern sind. Dieses Mal jedoch zum Frühstück – ganz ohne Alkohol.

Nach dem Essen schauen wir uns die mögliche neue Route an, die uns weit südlicher durchs Land führen wird. Nebenbei überarbeite ich einen unserer älteren Blogbeiträge, damit wir diesen heute noch veröffentlichen können. Denn auch wenn wir etwas hinterherhinken, ist es uns wichtig, euch – liebe Familie und Freunde – so gut es geht auf dem Laufenden zu halten.

Nachdem wir veröffentlicht haben, folgt die Belohnung in Form einer Besichtigung der Festung. Nachträglich gesagt war diese insofern sehr speziell, weil einfach alles renoviert war. Vor zwei Jahrzehnten war die Festung noch ein Steinhaufen. Um den Tourismus in der Region anzukurbeln, wurde sie renoviert. Die Festung gibt es allerdings seit über tausend Jahren und die Renovierenden scheinen sich nicht ganz einig gewesen zu sein, welche Version der Festung restauriert werden sollte. Das Resultat ist ein historischer Bastard mit westlichen und östlichen Einflüssen aus tausend Jahren, kombiniert mit Brunnenanlagen aus Beton für den modernen Geschmack. Was uns einst vielleicht gefallen hätte, gibt es nicht mehr. Also laufen wir mehr oder weniger orientierungslos durch gefühlte 20 Instagram-Spots und beobachten die Leute, die in mehreren Anläufen versuchen, das perfekte Bild zu schiessen. Wir amüsieren uns also – wenn auch auf andere Art als ursprünglich gedacht.

Umso mehr wenn wir Leute beim Possen nachmachen

Nun dürft ihr dreimal raten, wo wir Abendessen gehen. Ja, das war zu einfach. Natürlich sind wir zurück ins Restaurant Kessane. Doch diesmal sagen wir gleich von Anfang an, dass wir morgen weiterfahren wollen und heute keinen Alkohol trinken. Ja, tatsächlich schaffen wir es auch in Georgien ein, zwei Tage lang keinen Alkohol zu uns zunehmen. Wir sind überaus stolz auf uns. 🤣

Der zweite Abend verläuft reibungslos. Wir sind nach wie vor in bester Gesellschaft und essen einmal mehr wunderbar.

Doch zurück auf dem Velo geniessen wir einfach die unschlagbare Landschaft Georgiens.

So wie diesen kleinen Bergsee

Wir haben uns für die neue Route entschieden und sind nun auf dem Weg in eine Hochebene. Unser Etappenziel ist die Stadt Ninozminda, wo wir uns unbedingt zu einer Bäckerei begeben müssen.

So strampeln wir die vor uns liegenden Höhenmeter einen nach dem anderen ab und erfreuen uns am unglaublich schönen grünen Tal, in das wir hinein- und langsam hochfahren.

Dabei stoppen wir bei einer Waggonbrücke. Ja, offenbar wurde dieser Waggon in der Vergangenheit als Brücke benutzt, um von der einen Flussseite auf die andere zu gelangen. Wie ihr selbst sehen könnt, ist das allerdings schon eine Weile her und mittlerweile ist das Ganze alles andere als sicher. Doch wer kann sich’s denken – Jakob hält das nicht davon ab, „die Brücke“ zu testen. Dass er dabei mehr klettern als gehen kann, ist natürlich egal. Typisch Mann – ähh, ich meine mein Ehemann.

Die NICHTmehr begehbare Waggonbrücke

Weiter oben kommen wir tatsächlich an einer Ruine einer ehemaligen Festung vorbei. Diese Überbleibsel werden hauptsächlich von den Kühen genutzt, die dort etwas Schatten zum Ausruhen finden. Lustigerweise gefällt uns das mehr als die für Touristen aufgeputzte Version, die wir zuvor gesehen haben.

Eine tatsächliche Ruine

Kurz später erreichen wir Ninozminda und suchen die Bäckerei auf. Es ist zwar schon später Nachmittag, doch zu unserem Glück hat die Bäckerei noch offen. So bestellen wir verschiedenste Leckereien und merken schon bald, dass wir hier wohl gleich zu Abend gegessen haben.

Gerade als wir unsere Getränke – eine Limonade – fertig trinken, sieht Jakob einen anderen Veloreisenden und legt kurzerhand einen Sprint hin, um diesen zum Anhalten zu zwingen. So kommt es, dass wir zu dritt am Tisch sitzen und uns austauschen. Erneut sitzen wir einem Lehrer gegenüber, diesmal aus Frankreich und finden heraus, dass wir keine 20 Kilometer von der türkischen und der armenischen Grenze entfernt sind. Wir befinden uns also mehr oder weniger in einem Dreiländereck – so wie wir das von Basel her kennen.

Ein Dessert später verabschieden wir uns voneinander und fahren weiter. Für uns geht es heute Abend an einen See. Der Weg zu unserem Schlafplatz zieht sich allerdings hin, weil wir auf einmal mit Gegenwind konfrontiert werden. Doch das hält uns nicht auf. Seit wir die Hochebene erreicht haben, ist die Landschaft so komplett anders, dass wir kilometerweit in die Ferne schauen können und dabei auf eine grüne, leicht hügelige, aber dennoch flache Aussicht blicken.

Auf der Hochebene
Kilometerlanges Stromnetz
Hallo Storch

Es dunkelt ein als hinter uns die Sonne untergeht.

Kurz nach dem die Sonne hinter uns verschwunden ist

Dennoch ist es für die ersten Momente dank dem heutigen Vollmond erstaunlich hell. Seht euch die Grösse des Mondes an. So gross und irgendwie nah habe ich den Mond selten erlebt.

Gleichzeitig vor uns der grosse Mond

Mit der Dunkelheit zieht auch der Wind heftig an. Was beim Aufbau des Zeltes eher ungünstig ist. Wir schlafen heute auf einem Vogelbeobachtungsposten mit bestem Blick auf den See.

Die Kammera sieht mehr als wir

Da es für den Ausblick auf den See zu spät ist, müssen wir dafür bis morgen früh warten. Der Vorteil unserer heutigen Unterkunft ist, dass wir im Trockenen liegen. Der Nachteil ist, dass es von allen Seiten windet – auch von unten. Wir müssen das Zelt während des Aufbaus mit unseren Velotaschen beschweren, damit es nicht abhebt. Als das Zelt steht, packen wir uns für die Nacht warm ein. Denn durch den Wind um unser Zelt ist es wahnsinnig kalt. Um unsere Beine zusätzlich warm zu halten, packen wir sie als letztes noch in unsere Isoliermatten ein. Mit all diesen Massnahmen können wir relativ gut und warm schlafen. Die Schlafqualität nimmt trotz alledem mit dem Abnehmen des Windes zu.

Am nächsten Morgen freuen wir uns beim frühen Aufstehen auf den Ausblick auf den See. Doch nichts da – Pustekuchen – wir sehen gerade mal einen Meter weit in einen dichten Nebel hinein. Es ist einfach alles grau.

Keine Aussicht für uns

Ein bisschen enttäuscht packen wir schnell zusammen und wärmen uns mit ein paar Übungen auf – denn es ist noch immer windig und kalt.

Zurück auf der Strasse freuen wir uns auf die bevorstehende Abfahrt. Nachdem wir über den Goderdzipass und die Hochebene rund um Ninozminda viele Höhenmeter hochgefahren sind, können wir jetzt gute 40 Kilometer einfach gemütlich herunterfahren. Geil.

So fahren wir in ein wunderschönes Tal hinab und mit jedem Höhenmeter hinunter wechselt sich die Landschaft um uns herum erneut. Wir haben Bäume und fahren in und um Wälder, neben uns immer ein kleiner Fluss, der kühle, frische Luft generiert. So mag man die Abfahrten besonders gerne.

Wir sind auf dem Weg zu einem Campingspot, den wir dank anderen Veloreisenden auf der App Rolling Around gesehen haben, als ich bei einer kleinen Tankstelle anhalte, um noch kurz die Toilette aufzusuchen. Eine Toilette gibt es nicht – dafür eine Einladung zu einem Bier. Also gesellen wir uns zu der bestehenden Männerrunde und trinken ein Bier. Aus einem werden zwei, aus zwei werden drei, aus drei werden vier, und so weiter.

Gaumarjos

Tankstellen sind in Georgien oft mit „Beer Shops“ verbunden, wo man sich sein kühles Lieblingsbier in PET-Flaschen zapfen lassen kann.

Unsere Herzen schlagen hier schon ein bisschen höher

Jakob findet noch heraus, dass sich hinter der Tankstelle die kommunale Pissklippe befindet – diese wollten die Männer einer Frau aber nicht zumuten.

Die Pissklippe

Irgendwann spät am Abend sind unsere Räder in einem Kofferraum verladen und wir fahren mit dem Besitzer der Tankstelle zu seiner Familie.

Kurzer Prozess

Wer denkt, wir hätten im Garten einfach unser Zelt aufgebaut, täuscht sich. Als wir ankommen, wird bereits ein Tisch voller georgischem Essen vorbereitet und wir dürfen mitessen. Es reicht gerade noch für eine kurze Dusche und eine Ladung Wäsche in die Waschmaschine zu werfen, bevor wir am Tisch sitzen und neben dem herrlichen Essen selbstgemachten Wein und Chacha probieren. Doch irgendwann können wir wirklich nicht mehr weitertrinken – vor allem, wenn wir am Morgen noch bis in die Hauptstadt fahren wollen. Also halten wir uns etwas zurück.

Übernachten dürfen wir in einem Traum aus Rosa – im Kinderzimmer der Tochter. Ich liebe dieses Bild von Jakob – nur gut, dass er mich in seine Arme schliesst. 🤣

Süsse Täume

Am nächsten Morgen werden wir selbstverständlich zu einem Frühstück eingeladen, das wir dankend annehmen, bevor wir unsere sieben Sachen zusammensuchen und alles verpacken. In unseren Taschen befindet sich neu auch ein Glas selbstgemachter Konfitüre und EIN Liter selbstgemachter Chacha, der bei Raumtemperatur brennt. Wir bedanken uns für die überaus grosszügige Gastfreundschaft und verabschieden uns von der Familie.

Wir fahren die letzten Kilometer weiter hinab und treffen dann irgendwo auf der Hälfte unserer Tagesetappe auf Pit aus Deutschland und Mischa aus Armenien.

Die Geschichte muss hier einfach kurz hinein, weil wir sie sooo mögen. Pit ist solo für ein Jahr unterwegs und fährt soweit, wie er halt kommt. Mehr oder weniger ohne Stress und bestimmtes Ziel fährt er durch Armenien und lernt über Freunde von Freunden Mischa kennen. Mischa wollte schon immer mal auf Fahrradtour, hat sich alleine aber nie wirklich aufraffen können. So nimmt sich Pit Mischa an und verspricht ihm, zusammen nach Tiblisi zu fahren. Und so kommt es tatsächlich dazu, dass Mischa von heute auf morgen bei der Arbeit eine Woche Urlaub einreicht, die wichtigen Camper-Sachen einpackt und mit Pit zusammen losfährt. Und ja, sie schaffen es gemeinsam bis in die Hauptstadt.

Als wir sie treffen, fahren wir kurzerhand zusammen weiter. Doch schon schnell merken wir, dass die beiden nicht in unserem Rhythmus fahren. Vor allem Mischa mit dem Rucksack hat Mühe, flüssig zu fahren. Pit hat sich in den letzten Tagen etwas an sein Tempo und seine Leistungsgrenze gewöhnen können. Da wir heute unbedingt noch in unsere gebuchte Unterkunft wollen, trennen wir uns einige Kilometer später von den beiden. Wir warten jedoch bei einem kleinen Strassenkiosk auf sie, um wenigstens noch gemeinsam ein Bierchen zu trinken. Am Ende wird es wieder etwas mehr. Doch so toll es mit den beiden auch ist, fahren wir weiter.

Die letzten 20 Kilometer in die Stadt hätten wir in einer Stunde (maximal anderthalb) schaffen müssen, wäre da nicht Komoot und Organic Maps. Die beiden Apps geben uns drei Wege an, die einfach wirklich nicht befahrbar sind. Als auch der dritte Weg nach Tiblisi nicht befahrbar ist (es handelt sich um eine Privatstrasse über einen Golfplatz) und wir eine Stunde lang in einem kleinen Dorf alle Alternativen abgefahren sind, kehren wir zurück auf die Hauptstrasse und müssen so um den Berg fahren. Auf einmal sind es also mehr Kilometer als gedacht und dadurch wird es auch später Abend bis wir unsere Unterkunft erreichen.

Trotz der späten Ankunft in Tiblisi haben wir Lust auf eine nächtliche Entdeckungstour – in die nächste Bar. 😅

So sitzen wir am späten Abend – ungeduscht – im Poddon Pub. Uns gefällt es dort auf Anhieb, sodass wir weit länger bleiben als ursprünglich geplant. Aber was soll’s – wir haben in der Nähe eine Unterkunft und müssen morgen nicht weiterfahren. Also nehmen wir es, wie es kommt.

Es ist Mittag, als wir aufstehen und die Stadt bei Tageslicht erkunden.

Eine typische Gasse
The Mother of Georgia

Doch allzu viel Zeit haben wir heute nicht, denn wir folgen der Einladung zur Nationalfeier der Schweizer Botschaft. Wir rechnen extra noch viel Zeit ein, um pünktlich vor Ort zu sein (etwas ausserhalb der Stadt). Trotz der Reservezeit und der Teilstrecke, die wir unterirdisch mit der Metro gefahren sind, um den Stau in der Innenstadt zu umfahren, stehen wir später über eine Stunde im Stau. Zum Glück kostet uns das Bolt zur Partylocation trotz Stau nicht sonderlich viel, sodass wir wenigstens das verschmerzen können.

Wir sind tatsächlich angekommen

An der Party angekommen, haben wir die Rede leider verpasst. Dennoch erleben wir einen wundervollen Abend mit feinem Essen und georgischer, traditioneller Musik. Wir geniessen es, mit einigen Leuten wieder mal Schweizerdeutsch zu reden, aber vor allem mit den unterschiedlichsten Personen in Kontakt zu kommen und uns über die diverssten Themen zu unterhalten. Mein Highlight ist die Nachfüllpackung Aromat, die ich von Jacqueline erhalte. Denn nach vier Monaten auf Tour ist mein mitgebrachter Vorrat aufgebraucht.

Wir LIEBEN Aromat

Spät in der Nacht kommen wir bei unserer Unterkunft an und treffen dabei unsere Nachbarn, die gerade im Treppenhaus rauchen. Das Gebäude, in dem wir wohnen, ist zwar ziemlich heruntergekommen, wird aber von haufenweise netten Leuten bewohnt. Unsere Nachbarn von unten bewohnen eine alte Anwaltskanzlei, hören gerne Metal und schmeissen gerade eine Party. Mitgerissen von Stimmung und Musik entschliessen wir uns, noch eine Runde mitzufeiern. Es ist ja erst zwei Uhr morgens. Irgendwann stellen wir fest, dass es im Raum einige Zeal & Ardor Fans gibt – was uns als Basler natürlich besonders freut. Wir bringen auch noch den Liter Chacha aus unserer Wohnung zum Teilen mit. Auch hier ist man sich einig, dass sich dieser – neben dem Trinken – auch als Bremsreiniger eignen würde. Einige Stunden, Biere, Chacha-Gläser und Metal-Songs später gehen wir dann endlich zu Bett.

Die nächsten drei Tage sind wir in Tiblisi und arbeiten uns einmal mehr durch unsere To-do-Liste. Das Wichtigste für uns – und somit ganz oben auf der Liste – ist ein Veloservice. Nach über 5000 Kilometern, die wir bereits zurückgelegt haben, wollen wir vor dem Pamir Highway einen anständigen und professionellen Service. Wir geben unsere Bikes bei Hippovelo ab und müssen mit Schock feststellen, dass unsere Hinterräder schon komplett abgefahren sind. Das heisst, wir brauchen eine neue Felge und müssen das Hinterrad neu aufbauen lassen.

Komplett abgefahren

Zum Glück sind wir beim richtigen Velomechaniker, der das alles für uns erledigen kann. Abholen können wir die Velos jedoch erst später als gehofft und müssen so unseren Aufenthalt in Tiblisi verlängern. Die weiteren Nächte dürfen wir bei Jacqueline übernachten, die uns freundlicherweise bei sich zu Hause aufnimmt.

So geniessen wir die Extra-Tage in der Stadt, schauen ein paar Sehenswürdigkeiten an, treffen uns mit Radreisenden, die ebenfalls in der Stadt sind, schliessen neue Freundschaften, gestalten einen gemeinsamen Sticker für unsere Tour, gönnen uns eine Massage und treffen uns zu einem Filmabend der Extraklasse. Zudem kommen unsere Zweitpässe mit den Visa für die nächsten Länder an und wir heben haufenweise Geld ab und tauschen es gleich in die benötigten Währungen um. Alles in allem haben wir viel gemacht, was wir für den nächsten Teil unserer Reise erledigen mussten – haben dazwischen aber immer wieder ein paar schöne Dinge für uns selbst gemacht.

Alte Züge
Chronicle of Georgia
Bazar
Der Filmabend

So kam es, dass wir praktisch jeden Abend im Poddon Pub waren und im Hochsommer einer Sommerweihnachtsfeier beiwohnten – irgendwo zwischen Christbaumstimmung und Sommerhitze fühlte sich das absurd und trotzdem genau richtig an. Ebenfalls fast täglich gab es so die genialen dunklen Knoblauchbrote als Snack – aber auch haufenweise Burger. Wir hatten während unserem Aufenthalt sicher fünf verschiedene Burger, drei davon an drei Tagen hintereinander. Es hat sich für uns also wie kleine Mini-Ferien angefühlt, in Tiblisi zu sein.

Im Poddon Pub

Für uns bleibt der Besuch bei Jacqueline und der Schweizer Botschaft das Highlight – vor allem die guten Gespräche, die wir auf ihrer Dachterrasse geführt haben.

Der letzte Abend

Als wir nach unserem längeren Aufenthalt in Tiblisi losfahren wollen, stellen wir überrascht fest, dass es regnet. Also packen wir uns gut ein und fahren bei Jacqueline bei der Botschaft vorbei, um uns zu verabschieden.

Auf dem Weg aus der Stadt werden wir auf einmal von der Polizei angehalten und bekommen eine Busse, weil wir offenbar verkehrswidrig gefahren sind. Dabei wollen wir nur links abbiegen, so wie es auch die Autofahrer an der Stelle tun.

Wir nehmen die Busse an, weil wir weder mit der Polizei diskutieren wollen noch gar riskieren möchten, dass sie uns komplett auseinandernimmt. Nachdem wir die Situation allerdings mit ein paar Metern Abstand verlassen haben, telefonieren wir gleich mit der Botschaft und schreiben auch georgische Velofahrer an, um uns rechtlich zu informieren und Empfehlungen einzuholen.

Später als ursprünglich gedacht kommen wir aus der Stadt – nur um bei der Ausfahrt tatsächlich verkehrswidrig zu handeln. Wir fahren für 3 Kilometer auf der Autobahn. Da wir dabei auf keinen Fall erwischt werden wollen, rasen wir die Kilometer so schnell wie möglich durch und kommen unentdeckt wieder auf eine Landstrasse.

Mittlerweile regnet es nicht mehr, doch mit der aufkommenden Sonne und der Feuchtigkeit vom vorherigen Schauer ist es auf einmal richtig schwül. Wir kommen richtig ins Schwitzen. Doch so richtig schlimm wird es erst, als wir auf einen Schotterweg gelangen. Denn wir geraten erstmals voll auf durchweichte, matschnasse Wege.

Der Anfang

Schon bald verstopft der Schlamm unsere Räder, Schutzbleche und Bremsen. Anfangs sind wir noch etwas belustigt, weil wir nun auch in einer solchen Situation feststecken, wie wir sie schon zu hunderten auf Instagram bei anderen Veloreisenden gesehen haben. Doch sehr bald sind wir beide äusserst frustriert.

Push – Push a little harder

Die schlammige Blockade lässt uns weder vor- noch zurückfahren. Wir stecken fest und müssen die Räder gemeinsam durch den Schlamm schieben und tragen. Sobald wir die schlimmste Passage hinter uns haben, pulen wir mit kleinen Stöcken und den Fingern den Schlamm zwischen den Reifen und den Schutzblechen heraus – nur, damit diese eine Minute später wieder verstopft ist.

Total verstopft – ähhhhhhhh

Zurückfahren kommt nicht infrage, weil wir schon viel zu lange auf dem Pfad unterwegs sind und es einen massiven Umweg bedeuten würde. Also laufen wir dreimal verschiedene Wege ab und finden dann jenseits unserer Routenplanung einen Weg aus dieser Schlammhölle heraus. Für 6,7 Kilometer brauchen wir sagenhafte 4 Stunden. Irgendwann in mitten des Grauens geht mein Fahnenmast kaputt – was jetzt wirklich nicht mehr hätte passieren müssen. Pähhh. Wir sind uns einig, das war bisher der doofste Tag unserer Reise.

Wieder mit festem Boden unter den Rädern fahren wir dennoch einen Umweg um nicht wieder in eine schlammige Situation zu geraten. Bei diesem Umweg verliere ich dann auch noch meine Schweizerflagge und lasse, nach der Feststellung, mein Velo abgeschlossen im Wald liegen und renne stolze 1,5 Kilometer hinauf und nach dem Auffinden der Flagge wieder hinunter, damit ich möglichst schnell wieder zu Jakob aufschliessen kann. Ohne Internet konnte ich ihm nicht Bescheid geben, daher musste das alles schnell vonstatten gehen. Jakob macht sich unterdessen Sorgen und fährt das nächste Dorf im Zickzack ab, um mich zu suchen. Uppsi.

Als wir wieder auf unserer ursprünglichen Route sind, machen wir einen ersten Stopp und essen gleich zu Abend. Da der heutige Tag einfach nur blöd war, haben wir keine Lust zu kochen und gehen in ein kleines Restaurant. Es liegt an einem Damm und hat keinen Innenbereich, sondern nur kleine überdachte „Häuschen“ in einem grossen Garten.

Nach dem Essen fragen wir nach, ob wir im Garten unser Zelt aufbauen dürfen. Denn es ist bereits dunkel geworden und wir wollen den Tag nur noch hinter uns bringen – in der Hoffnung, dass der morgige besser wird.

Der Besitzer erlaubt es uns sofort. Wir sind super dankbar und machen uns gleich daran, alles für die Nacht vorzubereiten. Somit kommen wir für ein Mal früh ins Bett. Was für ein Tag.

Unser gemütlicher Schlafplatz

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf und machen uns mit neuem Mut auf den Weg. Auf dem heutigen Programm stehen erneut viele Höhenmeter.

Am Staudamm vorbei

Wir wissen, dass der Tag anstrengend wird. Nach den ersten 30 Kilometern machen wir eine Pause für ein kleines Frühstück. Kurz darauf treffen wir auf Susette, eine Velofahrerin aus der Schweiz, die ganz alleine auf Tour ist. Das Eindrückliche dabei ist, dass sie bereits pensioniert ist und trotzdem noch alleine auf Touren geht – ganz ohne elektronische Unterstützung. Auf unserer Route fahren wir an einer alten Burg vorbei und machen dort ebenfalls einen kurzen Stopp, um sie uns anzuschauen. Wir versuchen, wenn möglich, immer die einzelnen Sehenswürdigkeiten links und rechts der Route mitzunehmen – doch manchmal wollen wir einfach nicht stoppen und fahren dann halt trotzdem nur vorbei. Heute stoppen wir.

Eine Kirche mit einem Wachturm

Vielleicht aber nur mit dem Hintergedanken, irgendwo einen Kaffee herzubekommen. Doch es gibt leider keinen Kaffee für Jakob.

Gegen 13:00 Uhr machen wir kurz vor der steilsten Passage des Passes Halt und stopfen uns mit Kalorien voll um neue Energie für den letzten Teil des Aufstiegs zu tanken. Wir sind gerade mit dem Essen fertig, als wir auf eine Gruppe von Chinesinnen und Chinesen treffen, die ebenfalls auf Velotour sind – allerdings von Ost nach West. Wir erfahren, dass chinesische Radreisende eine ähnliche pan-eurasische Route fahren wie die meisten Europäer, allerdings nur bis in die Türkei – da es das letzte Land ist, das sie visumfrei erreichen können.

Nach einem kurzen Gespräch ziehen sie weiter und wir machen uns daran, die letzten Höhenmeter hinter uns zu bringen. Auf der steilsten Passage fahren wir Kurve um Kurve hoch und immer weiter hoch. Je weiter oben wir sind, desto schöner wird die Umgebung um uns herum. Das macht die Auffahrt um einiges angenehmer. Trotz des Regens, der wieder mal einsetzt. Die Berge um uns herum faszinieren mich und geben mir unglaublich viel Kraft.

So macht das Fahren doch Spass

Vier Kilometer vor der Passhöhe gibt es einen wunderschönen Aussichtspunkt, den wir uns nicht entgehen lassen wollen. Also stoppen wir, um ein paar schöne Fotos zu machen.

Ich liebe es

Gerade als wir wieder weiterwollen, werden wir von einem Mann auf unsere Velos und Tour angesprochen. Er fährt ebenfalls Velo und möchte wie wir auf grosse Tour. Wir folgen ihm in das Restaurant, in dem er hinter der Bar arbeitet und reden mit ihm über unsere bisherigen Touren. Jakob gibt ihm viele Tipps in puncto Ausrüstung. Als Dank werden wir zu einem Bier eingeladen. Sein Kumpel findet unsere Geschichte ebenfalls sooo cool, dass er uns neben dem Bier auch noch zu selbstgemachtem Chacha einlädt. Wir nehmen einen und er schenkt gleich nach. Unter dem Motto für jedes Bein ein Chacha, damit ihr möglichst lange weiterfahren könnt. Irgendwann werden wir von beiden sogar eingeladen, bei ihnen zu übernachten. Doch da sie weiter unten am Hügel wohnen, lehnen wir die Einladung ab. Kurz bevor wir aufbrechen wollen, wird uns zum Abschied nochmals ein Chacha eingeschenkt. Diesesmal stossen wir auf unsere Herzen an. Darauf, dass wir gesund bleiben und die Liebe zueinander niemals verlieren.

Mit weichgespülten Beinen fahren wir die letzten 4 Kilometer zur Passhöhe hinauf, platzieren dort einen unserer neuen Sticker und machen uns dann an die Abfahrt.

Könnt ihr unseren Sticker sehen?

Gerade als es eindunkelt, erreichen wir unser Tagesziel und fahren etwas ausserhalb der Stadt auf ein Feld. In einem verlassenen Stall bauen wir unser Zelt auf. Nicht weit von uns entfernt steht ein Campervan und Jakob lässt es sich nicht nehmen, kurz vorbeizugehen um „Hallo“ zu sagen, während ich das Zeltinnenleben für die Nacht vorbereite.

Unsere Drahtesel im Stahl

Er kommt mit einer selbstgemachten Suppe zurück, die wir gleich als unser spätes Abendessen vertilgen und anschliessend geht es langsam ins Bett. Heute sind wir in 8 Stunden, 112 Kilometern und 2520 Höhenmetern hochgefahren und haben mit der Passhöhe (2395 m. ü. M.) den höchsten Punkt unserer bisherigen Tour geschafft.

Nachdem wir am Morgen erwachen, bleiben wir noch etwas im Zelt liegen und bereinigen unsere iPhones. Wir löschen Apps und Fotos, verabschieden uns aus einzelnen Gruppenchats und gehen unsere Kontakte durch.

Nach dieser Aufräumarbeit bauen wir alles ab und gehen gemeinsam zum Campervan von gestern, wo wir zum Frühstück eingeladen werden.

Frühstück im Campervan

Wir geniessen die gemeinsame Zeit mit ihnen. Die beiden reisen jeden Sommer mit dem Campervan durch Europa um verschiedenste Berge zu besteigen. Eigentlich möchten wir ungern schon weiter, doch wir sind bereits später dran als geplant und der Grenzübergang wartet. Also machen wir uns nach der Verabschiedung auf den Weg in die Stadt nach Stepantsminda. Einen kurzen Abstecher an eine Quelle mit natürlichem Sprudelwasser lassen wir uns dabei nicht entgehen.

Wir könnten bei der Quelle auch Schwimmen gehen

Jakob hat mittlerweile zu kämpfen, es geht ihm heute morgen nicht gut. Eine Grippe zeichnet sich ab. Daher nimmt er gleich mal ein Ibuprofen, um die ersten Symptome wie Glieder- und Kopfschmerzen zu lindern. Zum Glück müssen wir heute nicht allzu weit fahren und können den Grossteil der Strecke einfach hinunterfahren. Für die Abfahrt muss sich Jakob trotz der warmen Temperaturen eine Jacke anziehen, weil ihm kalt ist. Wir geniessen die Abfahrt trotzdem und können uns dabei links und rechts kaum sattsehen. Denn wir sind umgeben von lauter hohen Bergen und fahren zur Grenze hinab.

Es geht bergab

Aus Georgien kommen wir relativ rasch hinaus, auch wenn der Grenzübergang einmal mehr ultrachaotisch ist. Bei den meisten Zollstationen, die ich in meinem Leben gesehen habe, ist rechts der Ausgang und links der Eingang – einheitlich mit der Verkehrsführung. Nicht so in Georgien. Hier bildet sich ein gigantisches Knäuel aus Fahrzeugen, die von beiden Seiten versuchen, durch dieselben Zollstationen zu gelangen. Dazwischen stehen Polizisten, die rufen und wedeln, den Verkehr aber nicht wirklich in geordnete Bahnen lenken. Als Velofahrer nutzen wir die allgemeine Verwirrung, um uns direkt bis zu einer Zollstation durchzuschlängeln und das Land flugs zu verlassen.

Anschliessend fahren wir ein paar Kilometer weiter ins Tal bis wir an den Toren zu Russland stehen

Bildergallerie


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One response to “Georgien”

  1. Ebbe gseh ich euere sticker nit, d uflösig vom bild isch z gross. Schigget doch emol e bild vom sticker 😊

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